Von Tomatenbäumen träumen

Das ist ja so eine Sache mit den Tomaten. Eigentlich gehören sie ja nicht hierher. Also hier, das ist die gemäßigte Zone mit Frost im Winter und Regen im Sommer. Trotzdem sind sie sehr beliebt, die Paradiesäpfel. Wir wollen sie am liebsten das ganze Jahr haben. Besonders die roten.

Das Gewächshaus ist voller Tomaten. Versprochen!

Im Frühjahr kaufen alle Umwelt- und Klima-Fans Tütchen. Die Samen aus den Tütchen legen sie fein säuberlich in Anzuchterde aus dem Gartenfachmarkt. Die keimfreie Anzuchterde haben sie vorher behutsam in eine Anzuchtschale gelöffelt. Darin dürfen exklusiv die Samen keimen. Aldi hat eine Fertigpackung mit alles drin. Im Internet zeigen Videos, wie wir auf gekaufte Erde verzichten können. Dann mischen wir unsere eigene Erde mit Sand aus dem Gartenfachmarkt. Die Werbung lobt uns. Respekt, wer’s selber macht.

Auf der Fensterbank können wir zusehen, wie sie keimen. Professionelle Hobbygärtnerinnen haben ein Gewächshaus. Das ist im Frühjahr noch zu kalt, dann schützen wir die Anzucht mit Styropor drumrum. Reiche Hobbygärtnerinnen können ihr Gewächshaus beheizen. Dafür gibt es keinen Zuschuss von der FDP.

Joghurtbecher von Hand waschen

Bald wird es unseren zarten Pflänzchen im Anzuchtkasten zu eng. Wir müssen sie in Töpfchen umpflanzen. Das nennen wir pikieren oder die Pflanzen vereinzeln. Im kleinen Töpfchen bekommen die Pflanzen nahrhafte Erde, damit sie kräftig weiter wachsen. Meistens brauchen wir mehr Töpfchen als wir haben. Wir können auch alte Jogurtbecher benutzen. Wenn wir immer den gleichen Jogurt essen, können wir die Becher besser stapeln. Das spart Platz im Schuppen. Wir müssen die Becher mit der Hand abwaschen, denn in der Spülmaschine ist es zu heiß. Jedes Becherchen müssen wir beschriften, sonst wissen wir hinterher nicht, welche Sorte in welchem Becher wächst.

Es gibt viele verschiedene Sorten bei den Tomaten. Große, glatte, fleischige, süße, gelbe, runde – alles. Wer aus dem eigenen Gewächshaus selber Saatgut nimmt, kann ganz viele neue Sorten ernten. Das funktioniert auch bei Paprika. Wir hatten einmal eine große dicke rote Paprika, scharf wie Chily. Das ist unpraktisch und sie wird nicht gegessen.

Sorten sammeln im Verein

Bohnen sind auch schön

Viele sammeln ganz viele Sorten. Solange bis sie nur noch Tomaten essen. Die sind ja alle verschieden. Schon bald sind die Sammlerinnen mit dem Sammeln überfordert. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder sie gründen einen Verein, um viele Leute zu finden, die die vielen Sorten mitsammeln. Oder sie hören auf, Tomaten zu sammeln. Bohnen sind auch nicht von hier und brauchen Pflege. Hier, also in der gemäßigten Zone mit Frost im Winter und Regen im Sommer.

Wenn es im Sommer keinen Frost mehr gibt, können wir die Tomaten auspflanzen. Ganz mutige setzen sie ins Freiland. Nach zwei Jahren brauchen sie entweder ein Tomatendach oder ein Gewächshaus. Besonders dann wenn die Sommer sehr feucht sind. Das mögen die Tomaten nicht, denn der Krautfäulepilz findet die Blätter der Tomaten ganz toll. Die Blätter sind dann alle weg, bevor die Früchte süß und lecker werden.

Wässern um des Wässerns willen

Tomaten müsse fachkundig bewacht sein.

Im Gewächshaus müssen wir aufpassen, dass sie dann genug Wasser bekommen. Dort wo die Tomaten zu hause sind, gibt es im Sommer wenig Wasser vom Himmel. Darum haben sie sich Wurzeln angewöhnt, die ihr Wasser ganz tief aus der Erde holen. Das könnten wir ihnen auch hier bei uns zumuten. Sie würden sich freuen. Aber wir haben Angst, dass sie es nicht schaffen. Außerdem haben wir ganz viel Wasser.

Wohlhabende Tomatenexpertinnen pflanzen ihre Tomaten in Töpfe. Die stehen dann auf Betonplatten an der wärmenden Hauswand. Im Baumarkt gibt es Sperren, die verhindern, dass die Wurzeln unten aus dem Topf rauswachsen. Noch haben die Pflanzen keine Pflanzenrechte, noch dürfen unsere Umweltretterinnen die Pflanzen in Töpfe sperren. Sollen wir eine Pflanzenrechtsbewegung gründen?

Raus aus den Töpfen! Freiheit für alle Faulpilze!

Egal! Wenn die Tomaten rot sind, können wir sie ernten. Und essen. Fleischtomaten können wir einwecken. Und wir können selber Ketchup daraus rühren: Ein Glas Tomaten passieren, im Topf mit einem pürierten Apfel, Knofi, Salz und Pfeffer sowie einem Schuss selbst gekelterten naturtrüben Weinessig so lange köcheln lassen, bis der Ketchup reif ist. Der kann ganz nach Gelegenheit mit Chily oder Curry gewürzt werden. Das Zeug ist so aromatisch, dass ich nie wieder Chemie-Ketchup kaufen werde.

2 Gedanken zu „Von Tomatenbäumen träumen“

  1. Also Tomaten in Töpfen auf Betonplatten an der Hauswand unter dem schützenden Vordach hat weiß Gott wenig mit Wohlstand zu tun. Eher mit Enge im offenen Garten. Letztes Jahr sind mir die mutig ins Freiland gepflanzten und bereits üppig gewachsenen und wild blühenden Tomaten von einem Tag auf den anderen restlos verfault. Meine Gärtnerinnen vermuteten einen von einem Kartoffelacker oä herübergewehten Pilz. Bei der Nachbarin passierte es wenige Tage später. Nun stehen die Töpfe wieder an der wärmenden Hauswand auf den Steinplatten! Und ich sinniere über ein Tropfenbewässerungssystem im Sinne von steter Tropfen …

    1. Wohlstand ist sicherlich ein relativer Begriff. Selbst mit 785 € Rente fühle ich mich bevorzugt. Unsere Gärten für Einfamilienhäuser mit fast nix als Rasen würden anderswo einen Menschen ernähren können. Ich empfinde das schon als einen gewissen Wohlstand. Curd Jürgens sagte einmal in einem Interview, Sozialismus bedeute für ihn, dass sich jeder einen Rolls Royce leisten kann. Das ist sicherlich künstlerische Übertreibung, aber trotzdem mag ich dieses Zitat. So von wegen die Gönnung da drin.

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