Vor unserem Buchladen steht seit ein paar Tagen ein Aufsteller. Die Lyrik werde nicht alt.
Die erste Lyrik, die mich ansprach, hatte ein gewisser Hans Bötticher verfasst. Wir kennen ihn unter Joachim Ringelnatz. Gestern war ein gewisser Herr Nagelritz im Kultur- und Bürgerhaus in Marne. Er hat einen Buchstaben zu wenig aus der Buchstabensuppe gefischt und lehnt sich auch sonst an Herrn Ringelnatz an.
Herr Nagelritz ist Germanist, hat Figurentheater und Schauspiel gelernt und tritt als Komiker auf, der einmal Seemann gewesen sein will. Er sieht ein bisschen so wie Ringelnatz aus. Große knochige Nase, hagere Gestalt, dicke Muskeln und quietschblaue Tättuhs auf den Unterarmen.
Er ist so schräg, wie das Kultur- und Bürgerhaus der kleinen Stadt Marne. Schräg tritt es heraus aus der Flucht der kleinen Häuser einer kleinen Straße der viel zu kleinen Innenstadt der großen landesweit bekannten Brauerei. Das Land heißt Dithmarschen. Das Bürgerhaus ist erst in diesem Jahrhundert errichtet worden im Stil der klassischen Moderne des vorigen Jahrhunderts. Daher steht es für unsere Zeit. Es hat ein vorzügliches Programm, es ist also aus der Zeit gefallen.
Herr Nagelritz turnte durch den kleinen Saal, kreuz und quer durchs Publikum, kletterte über das Publikum rüber und führte Dialoge mit anderen Seemännern im Publikum. Er hat sich also sein Publikum erarbeitet, das er in Marne seit fünfzehn Jahren kennt. Mit den Dialogen und allerlei Geturne brachte er sein Publikum zum Lachen. Dazu sang er melancholische Lieder und begleitete sich musikalisch durch das Quetschen eines Balges mit Tasten auf beiden Seiten.
Herr Nagelritz hat unsere Gegenwart begriffen. Man muss melancholische Lieder singen. Wenn man sie dem Publikum unterjubeln möchte, dann muss man sie mit absurder Gymnastik ablenken, ihr belangloses Leben in therapeutisch geführten Dialogen überhöhen, damit sie noch etwas zu lachen haben. Es war ein schöner Abend.