Der Künstler hat den dicksten

Das neue Ding in Meldorf. (c) freistern.de

Die GOS fragt danach, wie das neue Kunstwerk am Zingel in Meldorf denn so ankäme. Ja, wie kommt sie denn an, die Röhre mit Löchern? Ich habe noch keine Beziehung zu dem Ding aufgebaut. Es ist groß. Ja sooo groß, größer als die Häuser. Aber das Ding sagt mir nichts, außer vielleicht, dass die Statik auch Stürme übersteht.

Unverständnis …

… wecken bei mir besonders diejenigen Kunstwerke, die städtebaulich gewünscht sind, auf dem Rathausplatz und am Zingel. Sie stehen solitär vor sich hin und haben keinen wirklichen Bezug zur Stadt. Sie wollen wichtig sein, und sie sind wohl auch gewichtig, vielleicht sogar übergewichtig. Stellen wir uns vor, das Ding mit den Löchern stünde zwischen Hochhäusern in einer Großstadt: Dann könnte es leicht aussehen. An der Stelle mit den niedrigsten Häusern einer Stadt mit niedrigen Häusern, sieht es aus wie der toxische Pimmel gescheiterter Männlichkeit.

Was macht andere Kunstwerke in Meldorf so besonders? Da steht der Niebuhr von Manfred Sihle-Wissel in einer Nische des Doms. Der Künstler wählte seine Figur aus der Zeit, als Niebuhr sich den morgenländischen Landessitten bereits angepasst hatte. Denk mal: Er hatte sich vom Kolonialismus abgewandt, bevor die Preußen Kolonien hatten und Kunst raubten! Niebuhrs Blick ist auch der Kirche abgewandt, er schaut auf das Haus, das er zu Lebzeiten bewohnte. So viel können wir an dieser Büste erkennen. So feinfühlig ist es in die Stadt gesetzt.

Im Schatten des Doms …

… steht Schwinghammers Kriefsgefangener, der gerne wieder aus der Gefangenschaft nach Hause zurückkehren möchte. Er schämt sich ein bisschen, friert wohl auch und gibt ein eher demütiges Bild ab. Ganz anders als sein abgemagerter Kamerad in Heide, der der ganzen Welt seinen Hunger hinausschreit. Doch wer wollte ihm das verübeln? Die Skulpturen sind Zeugnisse ihrer Zeit, der frühen Bundesrepublik. Die Menschen waren innerlich so gespalten wie diese Figuren.

Ähnlich dramatisch geht es im Speicherkoog zu. Für Nordermeldorf kaufte der Kreis die Zugvögel von Fritzi Metzger. Genial aus Schiffsstahl geschweißte Vögel, kilometerweit sichtbar. Das passt wie Arsch auf Eimer. Und nachhaltig, die Farbe hält Jahrzehnte, der Stahl war Abfall, Künstlerin und Werftarbeiter standen im Dialog. Wie stark ist eine solche Aussage im Vergleich zu einer übergewichtigen Röhre mit Löchern, die sich selber nichts als wichtig nimmt und nur auf Fotos leicht daherkommt? Sie soll einen Schwung verkörpern. Es ist der erstarrte Schwung der rauchenden Schlote von Hemmingstedt. Von César Manrique hat der Künstler anscheinend nie etwas gehört. Oder er schwingt einfach nicht.

Meer aus Stein

Ganz anders Paul Heinrich Gnekow, der am Hafen das Meer in Stein haute. Und darauf hat er den Titel „Trutz Blanker Hans“ gehaut. Wer trutzt hier wem? Der Blanke Hans den Hanseln, die ihn bezwingen wollen oder umgekehrt? Ich muss das alles nicht herleiten. Aber ich kann es lesen, auch dieses Kunstwerk spricht mit mir.

Das Landwirtschaftsmuseum beherbergt eine Sammlung alter Trecker und so. Davor ein kleines Technikmuseum von Dieter Koswig, das mich schmunzeln lässt. Mit seiner Zeitmaschine auf dem Kreisel ist Koswig erst in einen Dialog mit den Menschen in der Stadt getreten. Wir durften uns mit seiner Zeitmaschine anfreunden. Heute ist der gesamte Kreisel so gestaltet, dass er die Zeitmaschine jahreszeitlich inszeniert. Koswig denkt abstrakter als all die anderen Künstler:innen, dennoch können andere Akteure seine Arbeiten vortrefflich inszenieren.

Künstler macht Kunst sichtbar

Ach ja, Jürgen Wilms fertigte einen Kubus aus Faschinenholz. Er setzte sich mit einem für unsere Küste lebenswichtigen Material auseinander. Täglich können wir beobachten, wie spröde sich dieses Material an der frischen Luft verhält. Erstaunlich dass es dem Künstler gelang, es zu bändigen. Besonders raffiniert die Kanten, alles ist offen sichtbar. Hier hat jemand eine Kunst sichtbar gemacht, die täglich zwei Mal in der Flut verschwindet? Das regt die Gedanken an. Lustig dass die bunte Bank davor unsere Blicke auf das Pimmelding leitet.

In welchen Dialog können wir mit diesem Werk am Zingel treten? Ich seh’s nicht. Wird sich ein Kuckuck auf dieser Stahlwolke niederlassen? Und in wessen Nest legt er dann seine Eier? Die neue kastrierte Stadtbebaumung gewährt keinen Lebensraum. Da müssten wir wohl noch erst Kieler Stadttauben importieren. Die brüten überall. Und unsere dichte Katzenpopulation wird dann lecker Rührei essen. Auch vom Publikum wird diese Art der Bebaumung nicht ernst genommen. Als Fahrer im Bürgerbus habe ich mehrfach gehört, wie die Leute dort Bäume vermissen. Was da steht, sind keine Bäume. Die Bäume werden übersehen. Der Stahl ist größer als die Bäume. Der Künstler hat den dicksten, aber da waren wir ja schon mal. …

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