Kapital ohne Kapitalismus

Die Linke kriselt. Es fehlt an Glaubwürdigkeit und Alternativen zur kapitalistischen Gesellschaftsform. Wir hatten bereits festgestellt: Die Gesellschaft verändern wir nur innerhalb der Gesellschaft, nicht von oben durch staatliche Politik. Traditionell erfolgreiche Modelle sind Gewerkschaften, lokale Bekämpfung der Armut und das Genossenschaftswesen. (Link zum Artikel) An welchen Stellen können wir diese Erfahrungen nutzen, um sie zum Vorteil der Menschen einzusetzen? Besonders Menschen, die gesellschaftlich benachteiligt sind, sollen solche Vorteile genießen können. Dafür brauchen wir aber auch die Hilfe und Zustimmung derer, die sich nicht benachteiligt fühlen. Deshalb ist die Art und Weise, wie wir die Mittel einsetzen, wichtig.

Die Basis

Die Forderungen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sind grundlegender Baustein linker Politik. Auch die derzeitigen kapitalistischen Gesellschaften folgen diesen Zielen, obwohl sie immer wieder mit juristischer Interpretationen die Inhalte verbiegen. So rechtfertigen sie sinnlose Kriege oder pämpern faschistische Diktaturen. Für linke Leute müssen die Menschenrechte allerdings bedeuten: Wer linker Politik folgt, folgt dieser Politik freiwillig. Wir stecken keine Menschen Umerziehungslager, sondern wir überzeugen und motivieren, damit uns auch skeptische Leute freiwillig unterstützen. In dieser Hinsicht versagt die kapitalistische Gesellschaft immer mehr. Seit sie sich den neoliberalen Paradigmen unterworfen hat, haben sich weite Teile von Polizei, Militär, Geheimdiensten und etwa zehn bis zwanzig Prozent der Zivilgesellschaft rechtsradikalen Thesen zugewandt und teilweise sogar bewaffnet, um das System zu stürzen. Die neoliberale Reaktion wollte genau diesen sozialdarwinistischen Zynismus. Ihr Ziel ist eine ständische Gesellschaft, die ein Drittel ihrer Mitglieder als nutzlose Unterschicht verrotten lässt.

Linke Menschen wollen die kapitalistische Gesellschaft umwandeln. Eine friedlichere und sozial ausgleichende Gesellschaft schaffen. Für die wirtschaftlichen Verhältnisse sollen Beziehungen der Menschen untereinander auch in Produktion, Handel und Gebrauch der Güter Vorrang haben. Rendite und Spekulation haben keinen Platz in der Werteskala. Sie können uns lediglich als Mittel oder Kennziffer dienen, sind aber nciht selbst Ziele. Angewandte Techniken sollen die natürlichen Ressourcen schonen. Menschen wollen bei der Produktion von Gütern auch die Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit sehen. Das ist den meisten von uns abhanden gekommen. Sinnloses Tun und entfremdete Beziehungen zwischen den Menschen haben nicht mehr nur in der materiellen Produktion die Oberhand gewonnen, sondern auch bei vielen Dienstleistungen.

Anders werten

Linke Wertvorstellungen erfordern eine sozial ausgleichenden Produktionsweise. Produktion und gesellschaftliche Leistungen orientieren wir an Gebrauchswerten. Vorrang haben dabei die menschlichen Grundbedürfnisse, also Lebensmittel, Wohnungen, saubere Luft und sauberes Wasser, Erholung, Kultur und Fußball (oder so). Außerdem braucht eine friedliche Gesellschaft ein hohes Bildungsniveau, ein egalitäres Gesundheitssystem. Bildungssysteme dürfen niemanden ausgrenzen. Alle Menschen müssen in jedem Lebensalter an allem Anteil haben können. Wir grenzen auch alte weiße Männer nicht aus und respektieren, wenn sie ihre Identität als brünftige Rothäute sehen.

Linke Politik steht in Opposition zum kapitalistischen Staat. Im kapitalistischen Staat wirkt sie vorrangig in die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen hinein. Dabei setzt sie den Werten der Renditewirtschaft etwas entgegen. Sie orientiert sich an den Gebrauchswerten der Güter und Leistungen, dient dem sozialen Ausgleich und wirkt Entfremdungsprozessen entgegen. Linke Gesellschaftspolitik schafft Raum für die Menschen, Beziehungen untereinander zu pflegen, sich zu bilden und die Armut abzubauen.

Richtig rechnen

Die Wirtschaft spielt bei der Betrachtung der Gesellschaft eine Sonderrolle. Dies können wir uns an einem einfachen Beispiel veranschaulichen. Vor einigen Jahrezehnten wurden linke Leute belächelt, die für die Zukunft eine globale kapitalistische Monopolwirtschaft erwartet haben. Heute sind konkurrierernde Weltkonzerne untereinander verflochten, wir kaufen einen Renault mit Mercedesstern. Das Kapital gehört einem Investment-Oligopol einiger weniger Blackrocker. Qualitativ war die linke Gesellschaftsbetrachtung langfristig trotz alles Belächelung zutreffend. Der wirtschaftliche Aspekt ist allerdings quantitativ, und hier haben die Wirtschaftsmodelle zum Beispiel des Club of Rome eine höhere Treffsicherheit als die Prognose des Realsozialismus vom „Überholen ohne einzuholen“.

Komplexen Wirtschaftsmodelle bestehen aus vielen Mathematischen Funktionenvieler Variablen, die auch in sich widersprüchlich sein können. Deduktionsketten wie in anderen gesellschaftlichen Feldern der Analyse landen in Sackgassen. Das bedeutet im Klartext, dass auch linke Projekte betriebswirtschaftliche Zusammenhänge als wissenschaftlich gegeben ansehen müssen. Wir rechnen mit Zahlen, und Defizite müssen gedeckt werden, beredtes Umdeuten führt in die Pleite.

Im wirtschaftlichen Leben gibt es präzise Hinweise über das Wohl eines Projekts: schwarze Zahlen. Alles andere ist zwar gut gemeint, aber alles andere als gut. Betriebswirtschaftliche Bildung fehlt allerdings vielen linken Projekten. Eine typische Falle sind Denkmuster wie dieses: „Wer Geld in ein linkes Projekt gibt, hat viel Geld. Wer so viel Kohle hat, kann auch weiter gemolken werden.“ An diesem gedanklichen Junk scheitern viele linke Projekte. Buchführung und Bilanz sind nützliche Hilfsmittel, keine kapitalistischen Systemver-Irrungen. Wir müssen sie viel als numerisches Abbild wirtschaftlicher Wirklichkeit ernst nehmen. Buchhaltung, Wirtschaftsprüfung und Kontrolle sind lebensnotwendig. Betriebswirtschaftliche Bildung bedeuten für linke Projekte wesentlichen Nachholbedarf.

Vergiss den Staat

In der jüngeren Vergangenheit haben Linke immer wieder versucht, von staatlichen Förderprogrammen zu profitieren. Das war ein tolles Spiel für reaktionäre Kräfte. Leichter konnten sie es nicht haben, um linke Ideen in Misskredit zu bringen. Mit ein bisschen provokanter Kritik am Förderprogramm konnten sie linke Projekte einfach ausknipsen. Die dort angelernten Fachkräfte durften danach entweder dem Kapitalismus dienen oder sich in die Unterschicht begeben. Vergesst den Staat! Wer das tut, braucht aber Kapital. Eigenkapital.

Es gibt zwei Wege, sich Eigenkapital zu beschaffen. Wir können Handeln oder Arbeiten und verdientes Geld zurücklegen, und diese Rücklagen in das Projekt investieren. Wir können uns Geld leihen. Wenn wir uns Geld am Kapitalmarkt oder bei Banken leihen, dann ist das Fremdkapital. Wir können uns aber auch Eigenkapital leihen. Wenn wir das tun, dann müssen wir besonders sorgfältig damit umgehen. Die Junkies unter uns werden uns immer wieder daran hindern, betriebswirtschaftlich sorgfältig zu bleiben. Daher sollten wir auf eine produktive Bindung zwischen einem Projekt und seinen Geldgeber:innen achten. Es sollten also keine entfremdeten Kapitalströme zwischen einem Projekt und der Außenwelt bestehen.

Lerne Kapital schätzen

In der herkömmlichen Wirtschaft müssen sich insbesondere kleine Unternehmen außerhalb von Banken und Staat Eigenkapital beschaffen. Der Weg über das Fremdkapital auf den offiziellen Kapitalmärkten ist für die meisten Unternehmen zu teuer, wenn sie denn überhaupt rankommen. Aus der Sicht der Projekte werden Netzwerke der Kapitalbeschaffung benötigt. Hier müssen die Träger’innen linker Politik aktiv werden und diese Netzwerke schaffen, die Projekte bekannt machen und die Geldgeber’innen weiterbilden, um gute Investitionsentscheidungen zu treffen. Die Interessen der Geldgeber’innen hat linke Politik traditionell vernachlässigt. Hier gibt es Nachholbedarf und wir brauchen betriebswirtschaftliche Nachhilfe für Lehrer’innen und Staatsbedienstete.

Wer Geld aufbewahren will, um später damit seine Wohnung oder sein Grab bezahlen zu können, braucht Sicherheit. Da die Preise für Wohnungen und Gräber steigen, soll es seinen Wert möglichst nicht verlieren. Ein gesparter Monat fürs Wohnen soll auch noch im Alter ein Monat zu wohnen wert sein. Diese Sicherheit können wir aber nicht planen. Die Unsicherheit nennen wir finanzielles Risiko. Geldgeber’innen müssen also lernen, sich gegen Risiken abzusichern. In der durch Aufsichtsämter regulierten Bankenwelt wird Sicherheit versprochen. Das dürfen wir glauben oder auch nicht. Sicher ist nur eins: Linke Projekte können sich nicht finanzieren, wenn sie auf die durch Aufsichtsämter regulierte Bankenwelt verlassen würden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.